Interview mit Isabella Pfaff

Isabella Pfaff ist Managing Director des Beratungsunternehmens mfm –- future at work, Berlin (www.menschen-fuer-medien.de), und Leiterin des Expertenkreis Public Affairs der Deutschen Public Relations Gesellschaft e.V. (DPRG).

Sie befasst sich mit Konzepten für die Zukunft und dem gesellschaftspolitischen Dialog an der Schnittstelle von Zivilgesellschaft, Politik, Wirtschaft, Verbänden, Wissenschaft und Medien. Das Unternehmen ist in den Geschäftsfeldern Strategieberatung, Public Affairs, Krisenkommunikation, Konzeption und Trainings tätig.

Frau Pfaff, der DPRG Expertenkreis Public Affairs, hat ein politisches Papier zur Kommunikation mit Radikalen und Extremisten erarbeitet. Wie kam es dazu? Und warum brauchen wir das Ihrer Ansicht nach?

Konkreter Anlass waren die drei Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg im Herbst 2024. Mit diesen Wahlen vollzog sich tatsächlich eine Zeitenwende. Die politische Nachkriegslandschaft, so wie wir sie kannten, war damit endgültig vorbei. Zum ersten Mal gab es in deutschen Parlamenten keine Mehrheit der politischen Mitte mehr. Die Parteienlandschaft nach dem 24. September wurde von Radikalen und Extremisten von links und rechts dominiert, während islamistische und linke Gruppierungen auf den Straßen randalierten, Geschäfte angriffen und jüdische Mitbürger attackierten. Grund genug, sich an einer kommunikativen Handreichung für die Praxis zu versuchen. Denn zukünftig werden wir – vor allem im Osten – mehr Begegnungen mit diesen politischen Strömungen auch im Alltag haben. Auf die Frage, wie wir damit umgehen, haben wir versucht, eine Antwort zu geben.

Gab es nicht immer schon Gruppen, die sich radikal geäußert haben? Kann man diese nicht einfach ignorieren und ausgrenzen?

Klar, Radikale und Extremisten gab es schon immer. Zum Problem werden diese Gruppierungen jedoch, wenn sie erstens, immer mehr Zulauf bekommen und zweitens, bis weit in die bürgerliche Mitte vordringen können. Man kann das eine Zeit lang ignorieren, aber das Problem verschwindet weder durch Ignorieren noch durch Ausgrenzen. Wenn man es genau nimmt, schauen wir seit der Wiedervereinigung einem Anwachsen der Ränder zu, das sich seit ca. zehn Jahren extrem verstärkt hat. Nichts an der heutigen Situation sollte uns also überraschen. Eine Strategie der „Ausgrenzung“ der Ränder funktioniert über einen langen Zeitraum nur, wenn die Mitte wirtschaftlich stabil ist, und wenn die Zustimmung zur jeweiligen politischen Führung hoch ist. Krisen hingegen sind immer Brandbeschleuniger für politische Ränder.

Wie ist Ihr Eindruck: Steigt auch die polarisierende und verbale Gewalt in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen allgemein – unabhängig von radikalen und extremistischen Gruppierungen?

Ja, leider. Die öffentliche Diskurskultur hat in den letzten fünf Jahren enorm gelitten. Das gilt für den Bundestag genauso wie für Social Media oder Talk-Shows. Was kann man dagegen tun? Auf Social Media galt lange Zeit das Motto: „Don’t Feed the Troll“. Ich halte das für falsch. Wer verbale Gewalt anwendet oder Fake News verbreitet, dem muss man entgegentreten. Bullys muss man Grenzen setzen, sonst machen sie immer weiter. Wer Desinformationen verbreitet, dem kann man nüchtern die Tatsachen entgegenhalten. Dabei geht es nicht darum, den Absender zu überzeugen, sondern den Tatsachen eine Stimme zu geben. Schließlich lesen auf Social Media oft Millionen Menschen mit. Bei persönlichen Angriffen bin ich für Humor. Nichts verunsichert einen Menschen mehr, als wenn man über ihn lacht. Oft reicht dazu schon ein Smiley, damit der Angriff ins Leere geht und der Aggressor verstummt. Als Gesellschaft? Zurück zu: Zuhören, ohne zu hassen. Kritisieren, ohne zu verachten. Denken, bevor man urteilt.

Sie plädieren für einen höflichen, dialogorientierten Umgangston bei der Kommunikation im öffentlichen Bereich. Und Sie vertreten die Meinung, dass wer eine Position vertritt, diese auch begründen sollte. Ist das nach Ihrer Einschätzung überwiegend so?

Nein, die Idee, dass man argumentativ begründen sollte, warum man diese oder jene Position einnimmt oder Meinung hat, ist vielen zu anstrengend. Sie nehmen die Abkürzung entweder über die moralische Verurteilung des Gegenübers oder eben über rhetorische Kniffe wie Vorwürfe ad hominem, also Angriffe gegen die Person, ohne sich mit dem Argument zu befassen.

Im DPRG policy paper “10 Thesen zur Kommunikation mit Radikalen & Extremisten” erläutern Sie, dass eine Diskussion mit Extremisten und meistens auch mit Radikalen sinnlos ist, weil diese nicht diskutieren wollen. In diesem Kontext gilt: „Wer argumentiert, verliert“. Was ist die Alternative?

Die Alternative ist nicht zu diskutieren, die eigenen Nerven zu schonen und seine Zeit nicht zu vergeuden. Dahinter steckt, dass Extremisten und auch viele Radikale, überhaupt nicht diskutieren, also Argumente austauschen wollen. Die haben ein bereits gefestigtes Weltbild und keine Absicht mit Ihnen Argumente auszutauschen, denn dann bestünde ja die Möglichkeit, dass Sie eventuell Recht haben könnten. Oder die besseren Argumente. Dazu gibt es ein Zitat des Vordenkers der Neuen Rechten, Götz Kubitschek von 2006: „Unser Ziel ist nicht die Beteiligung am Diskurs, sondern sein Ende als Konsensform, nicht ein Mitreden, sondern eine andere Sprache, nicht der Stehplatz im Salon, sondern die Beendigung der Party.“ Es geht diesen Gruppen strategisch darum, den demokratischen Diskurs zu zerstören. Was man auf Social Media wunderbar beobachten kann. Denn wenn Angst, Zweifel und Unsicherheit einmal gesät sind, bröckelt der gesellschaftliche Zusammenhalt und das Vertrauen in Politik und staatliche Institutionen. Es gibt Situationen, wo ein Austausch unumgänglich ist, bspw. weil der Bürgermeister oder der Landrat einer extremistischen Gruppierung angehört, und Sie aufs Rathaus müssen, um notwendige Fachgespräche zu führen. Aber lassen Sie sich eben nicht auf eine weltanschauliche Diskussion ein. Es ist sinnlos. Man kann sich dennoch klar abgrenzen und sagen, dass man anderer Meinung ist.

Was versteht man unter „Boss Talks“ und „Basic Talks“ und wie reagiert man auf diese Strategie?

Am anschaulichsten wird es, wenn man sagt: Denken Sie einfach an Donald Trump. Er ist sozusagen die Verkörperung des „Boss-Talk“. Dabei handelt es sich um eine Gesprächsstrategie, die darauf abzielt, schnell deutlich zu machen, wer der Ranghöchste im Raum ist, wessen Stimme zählt und wer der Boss ist. Es wird nicht auf Augenhöhe kommuniziert und Argumente werden instrumentalisiert. „Boss-Talk“ oder auch „Basic-Talk“ zeichnet sich vor allem durch einfache und sehr kurze Sätze aus. Es gibt keine Relativsätze, Erklärungen oder Begründungen. Der Ton ist meist laut und eindringlich. Einzelne Sätze und Wörter werden oft wiederholt. Denken Sie an die Szene im US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Trump und Hillary Clinton. Trump wiederholte immer nur das Wort „Wrong“, also falsch, wenn Clinton Argumente vorbrachte. Mit einem einzigen Wort kann man den kompletten Diskurs zerstören, die Opponentin extrem unter Druck setzen und sie dazu bringen, immer mehr Argumente vorzubringen, wodurch sie unsicher wird.
Hier muss man als Betroffener ebenfalls auf die Diskursebene der Basic Talks wechseln, zurückschießen und sich nicht vom Opponenten treiben lassen. Hillary Clinton hätte beispielsweise sofort zurückfragen müssen: „What’s wrong, Donald? Explain!” Wenn er dann antwortet, muss man ihn ebenfalls unterbrechen und das Spiel selbst spielen. Klingt kindisch? Sicher, aber wer versucht, argumentativ gegen einen Diskutanten auf Basic-Talk-Ebene anzugehen, verliert. Denn wie gesagt. Es geht um Macht. Nicht um Argumente.

Wie können Unternehmen und insbesondere Kommunikationsabteilungen mit „Hate speech“ umgehen, die eigene Position stärken und sich darauf vorbereiten?

Am besten mit einer Mischung aus Humor und Basic-Talk. Am einfachsten ist es, Rückfragen zu stellen. Das schreckt dann meistens 70 Prozent der Hater ab. Aber es gilt auch: Nicht persönlich werden!

Haben Sie persönlich Angst, dass wir aus der Geschichte nichts lernen und Extremismus weiter zunimmt?

Angst nicht. Ich habe großes Vertrauen in die Resilienz unserer demokratischen Gesellschaft und unserer staatlichen Organe. Aber Besorgnis.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass die Vernunft über extremistische Strömungen siegen kann?

Was wir an Hass und Hetze erleben, ist nicht repräsentativ für die Mehrheit der Bevölkerung – oft sind es nicht einmal Menschen. Das Ganze relativiert sich, wenn man weiß, dass sich in den sozialen Medien ca. 80 % Bots herumtreiben. Also automatisierte Antwortmaschinen, die das schmutzige Geschäft betreiben. Ich halte sehr viel von der sogenannten schweigenden Mehrheit in Deutschland, die gut informiert ist und sich in der Regel in die politische Mitte orientiert.

Was wünschen Sie sich dafür von der heutigen Politik?

Ich möchte die Politik gerne daran erinnern, dass gute Politik nicht durch Reden, sondern durch Handeln entsteht. Wir haben in Deutschland kein Analyse-, sondern ein Umsetzungsproblem. Ändert sich daran nichts, dann wächst allerdings meine Besorgnis.

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